Sonntag, 15. Juni 2008

Heute im Interview: Nicolai Bellic

Mein Agent rief mich ziemlich früh heute an. Ich wünschte ihn zum Teufel, da ich erst anderthalb Stunden nach seinem Anruf vollgesoffen auf der Couch eingeschlafen war.
Er versicherte mir jedoch das es sich lohnen würde und gab mir die Daten zu meinem Überraschungsinterview.
Mein Kopf schmerzte allein schon vom vibrieren der vorbeifahrenden Straßenbahn und ich überlegte ob ich nicht nochmal in die Heia springen sollte.
Aber natürlich brauchte ich die Kohle...also brühte ich mir einen starken Kaffee auf, warf eine Aspirin ein und beschloss mich dann vollkommen überraschend beim Rasieren zu schneiden.
Ich wollte laut losfluchen. Wurde jedoch von dem Schmerz, ähnlich als wenn ein Alien nicht aus dem Brustkorb sondern aus dem Kopf entwächst, gezügelt.
Nachdem ich einigermaßen stehen und laufen konnte verließ ich die Wohnung und setzte mich in Richtung des "Holiday Inns" in Bewegung. Zum Glück war es ganz in meiner Nähe.
Ferner verfluchte ich alle lauten Geräusche um mich herum und legte mir schon meinen Fragenkatalog im Kopf zurecht.
Ich betrat das Foyer des Hotels und sollte mich an der Rezeption melden.
Krampfhaft überlegte ich nach dem Codewort welches mir mein Agent vorhin mitteilte...denn nur mit diesem war ich quasi akkreditiert.
Der Rezeptionist fragte freundlich nach meinem Anliegen und ich mir fiel endlich das ausgemachte Zeichen ein.
"Liberty City." murmelte ich.
Die Miene des ehemals freundlichen Angestellten schlug in Sorgenfalten um. Mitleidig sah er mich an und griff zum Telefon.
Ich sah mich in der Lobby um und wenig später gab mir der Rezeptionist zu verstehen, das ich gleich mit dem Aufzug abgeholt werden würde.
Nachdem ich mich bedankte wartete ich artig auf den Aufzug der auch wenige Augenblicke aus dem 8. Stock runterfuhr.
Desweiteren ging ich alles nochmal durch.
Zettel und Papier? Check! Aufnahmegerät? Check!
Lust wie eine Kuh aufs Schlittschuh fahren? Check!
Das letzte Check wurde vom Glöckchen des anhaltenden Fahrstuhles quasi bestätigt.
Die Tür ging auf und heraus kam ein muskelbepacktes Etwas, das scheinbar mal ein Mensch zusein schien.
In gebrochenem osteuropäischen Akzent wies er mich ruppig an ihm in den Fahrstuhl zufolgen. Hätte ich früher hier einen Witz gerissen, das wir beide doch nie in den Fahrstuhl passen würden, hielt ich instinktiv meine Fresse...da ich mir dann doch dachte, das der gute Mann wohl wenig Spaß verstand.
Nein...es schien sogar so, das er mit Spaß auf dem Kriegsfuß stand.
Ich folgte ihm in den Fahrstuhl und wir fuhren hoch in die 8. Etage.
Ohne Scheiß, ich stand in seinem Schatten...so groß war der Brecher.
Das Licht des Aufzugskabine war teilweise von seinem Kopf verdeckt.
Es schienen Stunden zu vergehen bis wir endlich im 8. Stock ankamen. An der Rezeption hatte ich gesehen das wohl die ganze Etage an eine Person vermietet war.
Die Fahrstuhltür ging auf und im gleichen Augenblick drehte sich mein Magen.
Es roch hier genau wie im Club vor ca. 3 Stunden.
Schweiß, Sex, Alkohol, Erbrochenes mischte sich mit billigem Weiberparfüm und einer latenten Cannabiswolke.
Ich atmete gepresst durch den Mund ein und hoffte innerlich das es schnell vorbei war...ferner verfluchte ich meinen Agenten.
Diese Geruchsmischung ließ auf einen Rockstar deuten. Wie langweilig dachte ich...zumal auch meines Wissens keiner momentan in der Stadt war.
Der menschliche Muskel ging mit mir auf die Suite 806 zu. Er klopfte an und ging rein.
Ziemlich verdutzt schlug er mir die Tür vor der Nase zu und wechselte wohl ein paar Worte mit einer Person im Zimmer.
Meineserachtens sprachen sie serbisch.
Die Tür ging wieder auf und mir wurde angedeutet das ich jetzt Zeit bekommen würde meine Fragen zustellen.
Ich wurde hereingeführt und und mir fiel fast das Diktiergerät aus der Hand, als ich erkannte wer da im Halbdunkel und Armani - Anzug vor mir saß...sofort fiel mir sein Steckbrief ein:

Name: Nikolai Dragomir Bellic
Geschlecht: Männlich
Alter: 30 Jahre
Nationalität: Serbisch
Größe: 1,75m bis 1,85m
Gewicht: 70 bis 84kg
Haar: Dunkelbraun, kurz geschnitten
Augenfarbe: Braun
Hautfarbe: Mittel

Alle meine vorher ausgedachten Fragen zerstoben wie Asche im Wind.
Ich ging auf ihn zu und stellte mich artig vor. Er erwiderte die Vorstellung und bat mich Platz zunehmen.
Ich nestelte ungeschickt an meinem Diktiergerät herum, als mir Herr Bellic versicherte das ich das nicht brauchen würde.
Ich steckte es also wieder weg und überlegte krampfhaft mit welcher Frage ich das Gespräch beginnen sollte.
Er wies mich noch an, das ich doch keine Fragen über seine Familie oder über eventuelle Geschäfte zustellen habe, da es ansonsten mit mir vorbei sein würde.
Sein serbischer Akzent machte die Sachen nicht weniger leicht, wollte ich doch unbedingt klarstellen das es dann wohl nur mit dem Interview vorbei sein würde.
Gerade als ich diese Frage stellen wollte, blitze mir ein Waffenhalfter kurz entgegen als Herr Bellic einen Schluck seines Getränkes nahm.
Ich begann furchterlich zu schwitzen und scheinbar schien jeder Pore meines Körpers Schweiß auszusondern.
Trotzallem begrub ich den Wunsch der Richtigstellung der Frage und machte mir mit dem Gedanken Mut, das dort bestimmt nur eine Waffenreplika Platz fand.
Herr Bellic bemerkte meinen Schweißausbruch und bat mir einen Hennessy an.
Trotz das ich zuvor kaum anständig gehen konnte, aufgrund von zuviel Alkohol....war ich nun stocknüchtern und nahm sein Angebot dankbar an.
Er machte eine Handbewegung in Richtung des Hünen und ich hatte wenig später meinen Cognac den ich auf Ex herunterschlürfte.
Ich merkte wie gut das tat und beinahe sofort meine Schweißdrüsen aufhörten zu produzieren.
Ich atmete merklich auf und bemerkte sofort wie mir der Cognach auf die Lampe knallte.
"Hey! So hab ich mich doch vor ein paar Stunden gefühlt.Parrrtaaaayyy!" dachte ich noch und stellte beinahe volltrunken meine erste Frage.

Herr Bellic, man kennt sie ja sonst nur in legerer Kleidung. Heute haben sie einen Anzug von Armani an. Inwiefern mögen sie dieses Wechseln der Kleidungsstile?

"Ich mag es sehr. Ich fühle mich daheim in Freizeitkleidung ebenso wohl wie jetzt hier im Anzug. Ich habe kein Problem damit vom Privatmann zum Geschäftspartner zu wechseln."

Herr Bellic, gerade hier in Deutschland ist der Schutz der Jugendlich sehr scharf und wird sogar immer mehr angeschoben. Wie passt das zusammen mit dem Vorhaben sich hier zu verkaufen?

"Ich hasse den deutschen Jugendschutz mittlerweile. Er erschwert das Ganze zusehends und ist zudem auch noch durchlässig wie Schweizer Käse. Sollen die Kinderchen doch spielen was sie wollen....hey, da ist doch noch keiner von gestorben...."

Herr Bellic, inwiefern ist der Krieg der verschiedenen Konsolen für sie ein Thema?

"Wissen sie, das einzige Geschäft das immer laufen wird und bei dem man wirklich noch hohe Gewinne einfahren kann ist nunmal Krieg. Sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen mit ihren Konsolen. Hauptsache sie haben mich vorher finanziell unterstützt."

Herr Bellic, vom Tellerwäscher zum Millionär ist ja ein Weg den sie gegangen sind. Vom beinahe mittellosen Immigranten zu einem Selfmade-Millionär in den Staaten. Was hat sie so stark gemacht?

"Furcht! Der einzige Weg um es ganz weit nachoben zubringen. Die Leute müssen schiere Angst um ihr Leben haben wenn sie sie sehen. Nur so funktioniert es. Ich will keine Leute die großartig anfangen zu überlegen wenn sie etwas machen sollen. Das schadet dem Ganzen nur. Anweisung, dann die Ausführung....wunderbar. Der Rest ist überflüssig."

Herr Bellic, sie waren ja in der Balkan Peace Force wo sie schießen und Selbstverteidigung gelernt haben. Zudem auch noch im Krieg. Inwieweit nützen einem diese Erfahrungen später im zivilen Leben?

(Er fängt an breit zugrinsen.)
"Sie haben mich sehr weit gebracht, vielleicht genau dahin wo ich nun stehe. Diese Erfahrungen machen dich stark. Entweder du zerbrichst an diesen Kriegserfahrungen und wirst zu einem Penner der um Kohle bettelt um sich seinen nächsten Tetrapack Wein zu finanzieren...oder du nutzt diese Werte und setzt sie um."

Herr Bellic, was macht ein Geschäftsmann wie sie um abzuschalten?

"Ich schalte nie gänzlich ab. Auch eine Kriegserfahrung. Ich kann abschalten wenn ich tot bin."

Herr Bellic, inwieweit bewundern sie Konkurrenten wie den kürzlich erschienenen MGS - Teil?

"Konkurrenz? Das ich nicht lache...ein alter Opa mit allerleich technischem Gimmick und stundenlangen Filmchen soll eine Konkurrenz darstellen? Lächerlich. Auch die Verkaufszahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Wenn einer der Systemseller ist, dann ich!"

Herr Bellic, momentan regiert König Fußball in Europa mit der EM. Ein Thema für sie?

"Ich mache mir eigentlich nicht allzuviel aus Sport. Früher hat man das ein oder andere Spiel natürlich zusammen bei einem Schnaps geschaut. Aber für diese müßigen Freuden habe ich nicht mehr so die rechte Zeit."

Herr Bellic, haben sie irgendwelche Vorbilder?

"Naja, eigentlich nicht...aber ich gute Kontakte mit Antonio Cipriani, Carl Johnson, Thomas Vercetti und Victor Vance. All diese Vier haben es wie ich aus eigenem Antrieb geschafft hochzukommen. Das muss man zumindest honorieren...obwohl ich weit ab davon bin jemanden den Arsch zulecken das er mein Vorbild sei."

Herr Bellic, gibt es für einen Mann in ihrer Position noch etwas wovor er Angst hat?

"Ach wissen sie, ich halte das wie diese kleine Gruppe unbeugsamer Gallier. Die einzige Angst die ich hab ist das mir der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Zudem kann ich mir den Luxus "Angst" nunmal nicht erlauben. Angst verspüre ich nicht....Respekt ja! Aber keine Angst. Ich bin der der Angst macht."

Herr Bellic, was würden sie jetzt machen wenn sie nicht ausgewandert wären?

"Abschalten!"

Herr Bellic, ich danke ihnen für dieses Gespräch.

Ich stehe so hastig auf das es mich fast von den Beinen fegt. Der Alk pumpt heiß durch meine Adern.
Bellic verabschiedet sich freundlich aber bestimmt. Ich werde von seinem Leibwächter zum Aufzug gebracht.
Diesmal fährt er nicht mit und ich renne fast durch die Lobby und reiße wie von Sinnen die Tür auf. Frische Luft pumpt in meine Lunge.
Der Alkohol knallt dadurch noch heftiger. Mir ist es alles egal und ich torkele zum nächsten Büdchen um mich mit Alk einzudecken.
"Auf mein Leben!" denke ich und bin irgendwie heilfroh dieses Interview überstanden zuhaben.

written by Hirschchen

2 Comments:

Vynix said...

Hirschchens Kreativität schlägt wieder zu. ;-)

BertBarth said...

Wow, klasse geschrieben! Das könntest du glatt als Kurzgeschichte veröffentlichen. :-)